Dogtrekking & more: Ein Interview mit Udo Trummer

//Dogtrekking & more: Ein Interview mit Udo Trummer

“Es war wie das Durchbrechen einer Schallmauer”

Udo Trummer ist begeisterter Dogtrekker. Er und seine Hunde lieben die langen Kanten ebenso wie das Miteinander, das Rudel-Leben unter Gleichgesinnten, wenn man ein langes Wochenende in der Natur verbringt. Kein Wunder also, dass der überzeugte “Kilometerfresser” als Vorstands-Mitglied von Dogtrekking & More Sportunion auch andere Hunde-Liebhaber für´s Dogtrekking begeistern will. Und das macht er gut, denn ich kann aus eigener Erfahrung behaupten: Ohne ihn wäre ich wahrscheinlich nie zum Dogtrekking gekommen.

Hier ein Interview mit Udo Trummer, welches ich bereits Ende 2015 führte, was aber an Aktualität nichts eingebüßt hat.

Udo, Du warst 2015 beim Rund-um-die-Neue-WeltDogtrekking dabei. Wie war´s? Was waren für Dich persönlich die schönsten Momente dieses Dogtrekkings?

Heuer hat die Strecke die Trails der Schneeberg-Dogtrekkings und jene um die Neue Welt verbunden, es gab sozusagen zwei Augenweiden in einer Veranstaltung. Es ist wie immer das Gesamtpaket, das sich aus den Belangen des Mensch-Hunde-Teams und den Umweltparametern zusammensetzt.

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Die Besonderheit war heuer die Übernachtung vor einer Bergrettungshütte, egal welche Distanz die einzelnen Teilnehmer hinter sich gebracht hatten. So bekam die soziale Komponente wieder mehr Gewicht. Da möglichst viele Starter verlockt werden sollten, wurde diesmal die meist gewöhnliche, schwere Campingausrüstung von der Bergrettung bis knapp unter die Bergrettungshütte transportiert. Mit Kaffee und Kuchen sowie Getränken aller Art und darüber hinaus mit einer Grillerei vom Feinsten – konventionell bis vegan – retteten die Freunde von der Bergrettung für viele einen knackigen Tag mit oftmals verschobenen Grenzen der Leistungsfähigkeit.

Die bezaubernde Abend- wie Morgenstimmung am Südhang des Schneeberges tat das ihrige dazu. Die Strecke bot diesmal schöne Ansichten der bekannten Schönheiten Schneeberg und Hohe Wand mit dem an ihren Fuß befindlichen Plateau Neue Welt und versteckte, weniger bekannte Kleinodien mit tollen Laufabschnitten dazwischen. Und daß Petrus gewissenhaft seines Amtes waltete spiegelte sich in den sonnigen Gesichtern im Ziel wieder, es war in Summe eine runde Sache mit tiefgehenden Eindrücken!

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Sehr schön, man liest bei Dir aus jeder Zeile heraus, wie Du das Dogtrekking lebst. Gab es für Dich eigentlich einen Auslöser dafür? War es Deine erste Teilnahme an einem Dogtrekking – ich vermute das war in Tschechien? – welche zur Liebe auf den ersten Kilometer zwischen Dir und dem DT führte? Oder war/ist es ein besonderer Hund, welcher Dir die doch relativ langen Strecken des Dogtrekkings schmackhaft gemacht haben?

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Gute Frage, Bernd! Ich glaube, daß ich da einfach hineingewachsen bin. Irgendwie hatte ich davor alles schon gemacht, und auch gerne, aber eben nicht in dieser Kombination und nicht in dieser Intensität. So war “mein” Marathon eine Erfahrung, die ich unbedingt machen wollte, aber keiner Wiederholung bedurfte. 20, 30 Kilometer waren mir auch genug, wobei die Zahl überhaupt nicht in meinem Fokus war.

Doch dann kündigte sich Sannerk an, es sollte wieder ein Hund in mein Leben. So begann ich wieder mit Laufen, sobald klar war, daß er zu mir kommen sollte. Ein Jahr später und bereits in seiner Begleitung hatte ich so als Nebeneffekt zehn Kilogramm weniger.

Aber beim ersten Dogtrekking starteten wir sehr konventionell: Mit schweren Wanderschuhen und einen ebensolchen Rucksack! Das war im Schneebergland und Mario borgte mir sogar ein Auto, damit ich dort teilnehmen konnte! Zu unserem zweiten Dogtrekking ging es dann nach Tschechien, bereits im eigenen Auto. Das “Šediváčkův 100″ gibt es nicht mehr, aber das Schneerennen ” Šediváčkův Long” ist in Folge unser Winterhighlight geworden.

Aber zurück zum Dogtrekking: Bald drängte sich der Gedanke auf, daß ich marschierend meinen Hund mit jedem Schritt bremse und so begann ich einfach auch auf längere Distanzen zu laufen.

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Wobei es eigentlich ein “Indianerlauf” ist: abwechselnd laufen und marschieren, dem Gelände angepaßt. Erst Jahre später sollte ich erfahren, daß auch viele Ultraläufer nicht anders unterwegs sind. Das Zusammenspiel mit Sannerk, meinem Husky-Grönländer, war wohl die Triebfeder für unseren Vorstoß in die “Kilometerfresserei”. Nie werde ich wohl unseren ersten 84er ohne Biwak vergessen! Es war wie das Durchbrechen einer Schallmauer – nicht geplant, aber das Mögliche beim Schopf gepackt.

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Das war beim legendären Stezkou vlka, den Pfad des Wolfes in Tschechien, den es leider nicht mehr gibt:

Es war ein heißer August und der Pfad des Wolfes hatte uns wieder. Bei den ersten vorverlegten Startern dabei liefen wir, solange es die Temperaturen zuließen. Das landschaftliche Highlight aus meiner Sicht war der Höhenzug des Altvatergebirges, ein sanfter Bergrücken, der sich aus den Wäldern erhebt. Anstatt Almboden wie bei uns zu Hause prägten hier Heidelbeersträucher alles über der Waldgrenze. Davon konnten sich meine Augen kaum satt sehen!

Der Trail führte uns wieder in die Wälder, doch die Karte verriet mir, daß wir die “Tundra” dieses freien Höhenrückens nochmals sehen würden, und zwar deutlich länger. Das sollte sich grob berechnet locker ausgehen, bevor wir uns einen Platz für das Bikak… Doch der Tag wurde heiß, sehr heiß, über 30 °C, und strategische Hitzepausen und ein Umweg zu einem kühlenden Hundebad erforderten ihre Zeit. “Dann halt nicht …” war mein situationsangepaßter Gedanke. Als die Temperatur wieder unter 27°C fiel begann Sannerk wieder das Tempo zu forcieren und wir kamen gut weiter.

So nebenbei meisterte er erstmals eine persönliche Hürde: Stege und Leitern. Plötzlich ging er fast so drüber, als hätte er es immer schon so gemacht – und ich hätte die Alternativstrecke genommen, wäre mir dieser Abschnitt bereits bekannt gewesen. Derart beflügelt arbeiteten wir uns mit sinkender Temperatur immer schneller den Altvater hinauf und dann durchliefen wir die Waldgrenze und in die Dämmerung hinein erreichten wir den höchsten Punkt des Trails. Was für ein Anblick! Der ganze Höhenrücken in letztes Tages- und erstes Mondlicht getaucht, Medizin, Balsam für meine Seele, Glückseeligkeit, Hundeknuddeln. Es war geschafft, wir schwelgten im Leben.

Fleecepulli UND Jacke waren nun nötig, so kalt war es. “Jetzt nur noch einen Biwakplatz suchen und morgen geht´s ins Ziel” war der Plan, doch erst mußten wir aus dem Naturschutzgebiet raus. Kein Fleck erschien mir als Biwakpatz geeignet und so fanden wir uns irgendwann 17 oder zwölf Kilometer vor dem Ziel, nur mehr über Forststraßen … Ein Blick zu Sannerk, ich fühlte mich gut … Wir teilten Snacks und Wasser, bis auf eine Reserve von einem halben Liter gönnte ich das übrige Wasser den Pflanzen und los ging´s … So einfach war das plötzlich, was ich gar nicht in Erwägung gezogen hatte, und um ca. halb zwei Uhr morgens erreichten wir die Zieluhr!

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War das Ende der Veranstaltung “Pfad des Wolfes” für Dich auch irgendwie Antrieb, Dogtrekking nach Österreich zu holen bzw. gab es ein konkretes Vorbild? 

Dogtrekking wurde von Mario Formanek nach Österreich geholt, nicht von mir. Wie das Leben so spielt wollte Mario in den 90ern immer bei meinen Touren mitgehen, schaffte es aber nie – und dann habe ich durch ihn Dogtrekking kennen und lieben gelernt.

Daß es den Pfad des Wolfes nicht mehr gibt – offiziell zumindest – ist ein großer Verlust. Immerhin war Lada Paral ein Mitbegründer des Dogtrekking in Tschechien und somit überhaupt. Wir sind mittlerweile freundschaftlich verbunden und wir waren 2014 gemeinsam in Finnland – eine gute Alternative!

Welche “Komponenten” eines Dogtrekkings liegen Dir besonders am Herzen?

Was mir bezüglich Dogtrekking am Herzen liegt? Es ist das Gesamtpaket, die Mischung aus Hund, Natur, Bewegung, Outdoor, Team (Mensch-Hund) und Gruppe, Komfortbereich erweitern und Grenzen verschieben, gemeinsames Erleben mit Hund und Mensch … schlafen unter´m Sternenzelt, …

Mit Lada Paral als DT-Mitbegründer hast Du also nicht nur diese Sportart, sondern in Finnland auch das Nordlicht erleben dürfen?

Ja!

Und auch wenn die Nordlichter 2014 so klein, unscheinbar … waren, daß wir uns gefragt haben, ob es wirklich jeweils eines sei – aber es waren eindeutig drei klitzekleine Nordlichter.

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Apropos Finnland: was Hundesport angeht, fühlst Du Dich eher auf Schnee- oder im Dryland zu Hause?

Beides! Schnee ist natürlich mit nordischen Hunden Weihnachten und Ostern, aber als naturverbundener Mensch mag ich alle Jahreszeiten. Prinzipiell: kontinentales Klima ist mir aber lieber.

Übrigens: Ich mag´s, wenn Du “Komfortbereich erweitern” statt “Komfortbereich verlassen” und “Grenzen verschieben” statt “Grenzen überschreiten” sagst. Das sagt viel darüber aus, wie Du an´s Dogtrekking herangehst.

Ich mag diese Formulierungen auch; und die dahinterstehende Philosophie. Ich fühle mich durch diese sehr verstanden und bestätigt. Es entspricht der Einstellung indigener Völker weltweit, wie sie z.B. von Tom Brown und Jon Young (Wilderness Awareness School) in der westlichen Welt bekannt gemacht werden.

Wie geht es mit Dogtrekking in Österreich und in deutschsprachigen Gefilden weiter? Wo siehst Du hier DT in sagen wir 1, 2 Jahren?

Dogtrekking ist als Sportbewegung eindeutig im Aufwind! Als Disziplin ist es nach wie vor ein kleines Grüppchen, aber mit neuen Gesichtern – ein Generationenwechsel ist somit vollzogen.

Auch die Ausweitung nach Deutschland ist erfreulicherweise beim wiederholten Anlauf geglückt und ein zweites zukünftiges Event scheint gut angenommen zu werden. Wir werden 2016 auch eine neue Region dogtrekkingtechnisch erschließen: Salzburg, was auch grenzüberschreitend interessant sein wird. Der Idee “Hin und Zruck” gemäß wird das Hochkönig-DT zumindest 2016 zweimal stattfinden, einmal wird der Trail in und einmal gegen dem Uhrzeigersinn zu begehen/belaufen sein – ein neuer Versuch. Notiere Dir schon einmal den 25. + 26. 06. sowie den 1. + 2. 10. 2016!

Für die Zukunft – 2017, 2018 und danach – wünsche ich mir größere Starterfelder in der Kategorie Dogtrekking und mehr “open sleepings” sowie ein bißchen mehr “more” (Dogtrekking & more). Der “Dog & Bow” Probelauf ist schon recht gut angekommen und der Irondog ist ja mittlerweile eine eigenständige Größe geworden.

Udo, 1000 Dank für das aufschlussreiche und sehr interessante Gespräch!

Weitere Informationen zu Udo findet ihr auf seiner Homepage, Infos zu Dogtrekking und Hinweise zu Veranstaltungenunter dogtrekking.at

By | 2016-10-25T20:07:57+00:00 29. Februar 2016|Interviews|0 Comments

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